Putin und die Panama Papers

Die Massenmedien geben sich irritiert, wenn der Begriff der Lügenpresse fällt. Doch wer verstehen möchte warum er dennoch immer wieder gebraucht wird, der sollte sich die Berichterstattung um die Panama Papers näher anschauen.

Beinahe alle großen Zeitungen widmeten dem russische Präsidenten Vladimir Putin einen eigenen Artikel, um auf die vermeintlichen Geschäfte des Präsidenten aufmerksam zu machen. Die Zeit titelt „Geheimgeschäfte von Hunderten Politikern enthüllt“ und versieht den Artikel mit dem Konterfei Putins. Erst beim Lesen des Artikels erfährt der Leser, dass nicht Putin selbst in den Vorfall verwickelt ist, sondern „enge Vertraute“.

Die Welt geht noch einen Schritt weiter und veröffentlicht einen Beitrag mit dem Titel: „Der Cellist, der Putins Geld verwaltet“.  Der Leser erfährt viel Spekulatives über das Umfeld Putins. Inwiefern dieser selber an den Geschäften beteiligt sein soll verraten die  Journalisten jedenfalls nicht. Den eigentlichen Link zwischen dem „Cellisten“ und Putin behaupten die Autoren einfach: „Womöglich ist er selbst nur ein Vertrauter, der im Interesse Putins agiert.“ Vielleicht, vielleicht  aber auch nicht.

Ich halte die Beteiligung Putins an den Offshore-Geschäften für durchaus wahrscheinlich. Dennoch kann man nur verblüfft feststellen, dass dem russischen Präsidenten einer Sonderrolle in der Berichterstattung  zukommt, die sich mit der Datenlage kaum erklären lässt. In den Papern selber wird sein Name nicht einmal erwähnt. Andere hingegen schon. Der isländische Premier Sigmundur Gunnlaugsson, der Vater von David Cameron oder auch der ukrainische Präsident Petro Poroschenko, der auszog die Korruption im Land zu bekämpfen, werden genannt. Neben Gunnlaugsson und Cameron Senior – der Skandal ist im übrigen schon länger bekannt – muss man schon sehr genau nach westlichen Personen suchen. Doch wäre dies für die hiesige Medienlandschaft wesentlich interessanter, als herauszufinden – oder besser: zu spekulieren -, dass Vladimir Putin eventuell auch in den Skandal verwickelt sein könnte.

Doch ob Leser noch weitere Namen europäischer Politiker erfahren werden ist durchaus fragwürdig. Dies hat zwei Gründe. Zum einen erklärte die Süddeutsche, die mehrheitlich an der Veröffentlichung beteiligt ist, die Methodik mit der die Dokumente durchsucht wurden wie folgt:

„The journalists compiled lists of important politicians, international criminals, and well-known professional athletes, among others. The digital processing made it possible to then search the leak for the names on these lists. The „party donations scandal“ list contained 130 names, and the UN sanctions list more than 600. In just a few minutes, the powerful search algorithm compared the lists with the 11.5 million documents.“

Ein wichtiges Kriterium ist also die Suche nach öffentlichen Personen,  die auf Sanktionslisten der Vereinten Nationen stehen. Darüber hinaus schreibt der Guardian, dass der Großteil der Dokumente geheim bleiben werde:

While much of the leaked material will remain private, there are compelling reasons for publishing some of the data. The documents reveal a huge breadth of unseen activity.

Wer also hoffte, er könne die Dokumente eines Tage selber nach wichtigen Politikern oder Unternehmern durchsuchen, der dürfte enttäuscht werden. Eine Veröffentlichung, wie man die von Wikileaks her kennt, wird es nicht geben.

Zu guter Letzt weißt der ehemalige britische Botschafter, Craig Murray, auf die Organisation hin, die mit der Auswertung und Veröffentlichung der Dokument betraut wurden. Dazu zählen:

  • Ford Foundation
  • Carnegie Endowment
  • Rockefeller Family Fund
  • W K Kellogg Foundation
  • Open Society Foundation (Soros)

Eine Veröffentlichung westlicher Skandale, so Murray, werde es unter dieser Leitung kaum geben. Wir bleiben jedenfalls gespannt.

Nachtrag:

Telepolis hat sich der Sache angenommen:

Doch bereits wenige Stunden nach den ersten Veröffentlichungen witterten Kritiker eine selektive Darstellung. So fiel manchen auf, dass MossFon kaum nennenswerte Kunden aus den USA haben soll. Dem gegenüber treffen die Enthüllungen der ersten Berichtswelle vor allem Personen aus Simbabwe, Nordkorea, Russland und Syrien – Länder, die das US-Außenministerium auf dem Kieker hat. Das macht die Vergehen zwar nicht besser, wirft aber Fragen zur Neutralität der „vierten Gewalt“ auf.

In Bezug auf die Organisationen schreibt der Autor:

In der Tat wird man fragen müssen, wie unabhängige Journalisten etwa von solch mächtigen Lobbyisten schamlos Geld nehmen können. Doch die Frage ist eher akademisch, denn vor allem in den USA gehören nahezu alle großen Medienhäuser direkt zu Industriekonsortien. Wer im Geschäft bleiben will, wird schon darauf achten, was er über wen sagt, und was besser nicht. Vielleicht bieten die nächsten Schübe der Panama Papers ein ausgewogeneres Spektrum. Gut möglich, dass die Aufteilung auf 400 Schultern manchen Interessenkonflikt relativiert.

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4 Gedanken zu “Putin und die Panama Papers

  1. alicegreschkow schreibt:

    Da findet seitens der SZ eine große journalistische Leistung statt und da wird wieder die Lügenpressen-Keule rausgeholt, die an sich so geladen ist, dass sie von vornerein jeden Inhalt unglaubwürdig macht. Warum?
    Richtig ist, dass sich die meisten Onlinezeitungen an Clickbaiting schuldig machen. Da sind wir Verbraucher aber auch Schuld – es will ja kaum jemand für qualitativen Journalismus noch zahlen. Und wenn in den Artikeln nicht gelogen wurde, ist der Vorwurf der Lügenpresse schlicht falsch.
    Ich finde bei der ganzen Debatte nimmt man den Leser zu sehr aus der Verantwortung – man solle ihm alles mundgerecht servieren, sodass er gar nicht mehr nachdenken muss.

    Die Forderung alles offen zu legen, ist spannend, aber vermessen. Journalisten hatten immer eine Gatekeeper-Funktion. Wieso wundert man sich jetzt so darüber? Wenn man alles offenlegen würde, könnten sich z.B. Blogger genauso selektiv Daten rausgreifen, Wahrnehmung ist nie objektiv – man findet oft genau das, was man sucht. So entstehen dann auch Verschwörungstheorien. Man könnte das zulassen – dann baut sich halt jeder seine eigene Wahrheit und sucht immer wieder nach Legitimation dafür, anstatt sich auf andere Meinungen einzulassen.

    • blogfrei schreibt:

      Es war gar nicht meine Absicht, die Legende der Lügenpresse zu transportieren. Ich halte den Begriff für irreführend und unpräzise. Ich habe ihn dennoch im Teaser verwendet (im Text findet man ihn nicht), da ich der Meinung bin, dass er durchaus
      ein reelles Phänomen – wenn auch mit falschem Vokabular – beschreibt. Überschriften, die Zusammenhänge suggerieren, die im Artikel nicht belegt werden, sind mit ein Grund dafür, dass der Begriff weitergetragen wird.

      Ob nun alles offengelegt werden sollte oder nicht ist eine spannende Frage, die ich zu gerne bejahe aber durchaus auch kritisch – gerade im aktuellen Fall – sehe. Dennoch ist es kein besonders gutes Argument zu sagen: wir haben es schon immer so gemacht, daher machen wir es weiter so. Eine Gesellschaft lebt von Veränderungen. Gerade als Feministin argumentierst du sicherlich häufig gegen den Status quo.

      Die Frage sollte daher lauten: ist ein solches Vorgehen heute noch Adäquat? Die zunehmende Konzentration der Medien und die Tendenz zur Boulevardisierung von Nachrichten lassen Zweifel an der Funktionsfähigkeit des Mediensystems aufkommen. (siehe auch: Die Unbelangbaren, Thomas Meyer) Plattformen wie Wikileaks haben in der Vergangenheit dagegen zeigen können, dass eine vollständige Veröffentlichung durch eine redaktionelle Vorbereitung durchaus zweckdienlich sein kann.

      Generell halte ich es für unproblematisch, wenn Blogger sich jeweils ihre Rosinen aus den Daten picken und veröffentlichen. Man wird Menschen nicht daran hindern können, sich ihre eigenen Echokammern zu bauen und sich abzuschotten. Verschwörungstheorien werden sich aber umso schneller verbreiten, desto mehr die Menschen das Gefühl haben, ihnen werden wichtige Informationen vorenthalten. Medien können dagegenhalten, indem sie transparent arbeiten und sich weniger reißerisch zeigen.

      Ob in dem aktuellen Fall tatsächlich Informationen vorenthalten werden kann ich nicht sagen. Ich muss aber anerkennen, dass die veröffentlichten Artikel mittlerweile thematisch breiter gestreut sind.

      • alicegreschkow schreibt:

        Mh, natürlich lebt die Gesellschaft von Veränderungen, aber ich habe das Gefühl, dass wenn Journalismus kritisiert wird, unterschiedliche Rollen vermengt werden. Das ist zum einen Schuld der Journalisten, da sie den Stil des „new journalism“ mit viel mehr Subjektivität adaptieren, ohne dies deutlich zu machen, zum anderen ist heutzutage nun einmal fast jeder Sender auf die eine oder andere Art. Ich finde, man müsste mehr zum Kerngedanken zurückgehen – was will der Journalismus? Wer ist der Journalist? Wodurch entscheidet er sich von anderen Reportern, Bloggern, Berichterstattern? Die Krautreporter haben auch mal als normaler Blog angefangen. Haben sie noch eine Sonderstellung (in Bezug auf Gatekeeper)? Wenn ja, sollten sie diese beibehalten?
        Wenn man diese Fragen bedenkt, kann man auch den aktuellen Fortschritt, besonders in Bezug der Transparenz debattieren – was ist mit der Nachrichtenwerttheorie geworden z.B.?
        Dass die SZ jetzt auch nicht alle Informationen freigibt, hat mit Sicherheit auch mit Marketing zu tun – jetzt sind sie diejenigen, die Klicks generieren und die Hoheitsmacht haben. Das ist für sie einerseits tatsächlich wichtig für das journalistische Profil, andererseits eben aus finanziellen Gründen.
        Ich bin mir halt nicht sicher, wie sensibel die Daten sind und wann Geheimhaltung gut ist – niemand würde ja auch auf die Idee kommen, Geheimdienste zur Offenlegung sensibler Informationen zu zwingen, oder? Das steht auch im Falle der Leaks wieder in Verbindung und der Frage, ob Journalisten eine Sonderrolle überhaupt haben, um sich diese Entscheidungsmacht nehmen zu dürfen. Folglich würde ich daher nicht die Frage nach Transparenz nicht pauschal mit „ja“ oder „nein“ beantworten wollen und sehe es ähnlich wie du – kritisch.

      • blogfrei schreibt:

        Kann ich dir fast nur zustimmen!

        Vor allem sollte man bedenken, dass es sich hier teilweise um hochsensible Daten handelt. Der Aktivist in mir würde gerne dennoch alles einmal sehen dürfen 🙂

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