Eine kuriose Überschrift…

Die Überschrift „Fahrt durch die Einkaufsstraße – Polizei stoppt Verdächtigen“ rauschte irgendwann gestern über die Startseite von Spiegel Online. Eine kuriose Überschrift. Doch was versteckt sich hinter ihr? Der Versuch einer Anamnese.

Ich las irgendwo einmal, dass viele Menschen ihre Nachrichten gar nicht aus Beiträgen und Meldungen beziehen, sondern diese alleine aus den Titeln und Titelseiten ableiteten. Bei der immer größer werdenden Menge an neuen Meldungen sei für die meisten „Leser“ einfach keine Zeit, den Großteil der erscheinenden Beiträge zu lesen. Dieses Verhalten liegt die Vermutung zugrunde, dass der Titel eines Artikels etwas über dessen Inhalt aussagt. Doch ist dem so? Ein aktueller Beitrag auf Spiegel Online verrät: nicht immer und manchmal gar nicht.

Beginen wir mit den Grundlagen: Wir wissen, dass es sich um einen Mann handelt, der Gegenstand des Beitrags ist. Darüber hinaus erfahren wir, dass der Mann nicht einfach nur ein Mann ist, sondern Verdächtiger zugleich. Ein verdächtiger Mann also. Was ihn verdächtigt macht erfahren wir nicht. Es drängt sich der Gedanke auf, dass der verdächtige Mann deshalb verdächtigt ist, weil er mit einem Fahrzeug in eine Einkaufsstraße fuhr. Mutmaßlich unerlaubter weise. Allerdings erfahren wir nicht welches Gefährt er für seine Fahrt wählte – vielleicht fuhr er mit dem Rad, Rollstuhl oder Motorroller – und ob besagte Straße für sein Gefährt der Wahl freigegeben war. Handelt es sich womöglich um einen Radfahrer, der verbotenerweise in einer Fußgängerzone mit seinem Drahtesel sein Unwesen trieb? Ich gehe noch einmal in mich und überlege, ob der Umstand, dass ein Mann mit seinem Rad in eine Einbahnstraße fährt, die Voraussetzungen erfüllt, international Schlagzeile zu machen. Die Reaktion scheint überzogen. Möglich ist natürlich auch, dass der Mann schon vor seiner Tat verdächtig war und erst in der Einkaufsstraße dingfest gemacht werden konnte. Sicher, das wäre möglich. Auch wäre es denkbar, dass der verdächtige Mann unschuldig ist. Schließlich ist er genau dies: nur ein Verdächtiger. Womöglich war der Mann zum Zeitpunkt seiner Festnahme gar nicht in oder an seinem Gefährt, sondern wurde nur fälschlicherweise dem Gefährt zugeordnet und aus diesem Grund festgenommen.

Des Rätsels Lösung

Man muss schon sehr medienerfahren sein, um zu erahnen, was die Autoren mit dem Titel tatsächlich beschreiben wollten. Kaum 24 Stunden nach dem Anschlag von London war ein junger Franzose mit „nordafrikanischer Abstimmung“ in einer Einkaufsstraße in Antwerpen beim Versuch gestoppt worden, in eine Menschenmenge zu fahren. Gemeinhin bezeichnet man einen solchen Versuch, wäre er geglückt, als Anschlag. In diesem spezifischen Fall wäre es daher nicht ungewöhnlich von einem gescheiterten oder vereitelten Anschlag zu sprechen. Das Attribut „Terror“ wäre hier durchaus denkbar.

Warum die Autoren von Spiegel Online eine Formulierung wählten, die eher nach einer missglückten Spazierfahrt klingt, als nach einem gescheiterten Terroranschlag, der in seinem Ausmaß dem des Anschlags von Londons hätte sehr ähnlich sein können, erfahren wir nicht. Vielleicht wollten sie ihre Leser so kurz nach dem Londoner Anschlag nicht zu viele schlechte Nachrichten in so kurzer Zeit zumuten. Autofahrt kling jedenfalls viel besser als Amok- oder Terrorfahrt. Vielleicht ist es aber auch die Routine, die sich bei der Berichterstattung über Terroranschläge eingeschlichen hat. Denn Gründe, den Anschlagsversuch nicht ernst zu nehmen gab es eigentlich nicht. Was den Antwerpener Anschlag vom Londoner unterscheidet ist der Zufall. Hier war die Polizei zur rechten Zeit am rechten Ort. Der Vereitelung war keine monatelange Geheimdienstarbeit vorausgegangen. Kein Spezialkommando wartete einsatzbereit auf den Befehl zum Zugriff. Zynismus und Zufall ist es, was den Unterschied zwischen einer „Autofahrt in Einkaufsstraße“ und „Anschlag in London: Minimaler und maximaler Terror“ ausmacht.

Die Kollegen von der TAZ zeigen, dass es auch anders geht: „Mann in Antwerpen festgenommen – Möglicherweise Anschlag verhindert

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s