Zur Realität stets eine Armlänge Abstand

Menschen werden nur ungern mit jenen Fehlern konfrontiert, die sie in der Vergangenheit begangen haben. Wozu auch? An den begangenen Fehlern und verpassten Chancen lässt sich ohnehin nichts mehr ändern. Doch die eigene Sturheit zeigt sich besonders dort, wo viel Zeit und Engagement investiert wurde. Wer jahrelang Blut, Schweiß und Tränen in eine Sache, ein gemeinsames Ziel investiert hat, der wird nur schwerlich zugeben können, dass sich die Ziele als fehlgeleitet herausgestellt haben oder von der Realität eingeholt wurden.

Gerade führende Politiker haben es schwer. Das Internet vergisst nicht und nach der Wahl ist vor der Wahl. Kaum etwas verfolgt einen Politiker hartnäckiger als das Eingeständnis einen Fehler begangen zu haben. Ist das Eingeständnis eines Fehlers unausweichlich sollte behutsam und strategisch vorgegangen werden. Das Narrativ zur Begleitung muss vorher sorgsam konstruiert und gezielt lanciert werden. Wer unüberlegt in die Öffentlichkeit poltert kann nur auf den guten Willen der Medien hoffen – und der ist rar gesät.

Man kann aber auch Glück haben und auf einen Journalisten treffen, der es gut mit einem meint und so die eine oder andere abstruse Äußerung ignoriert. Henriette Regler hatte Glück. In einem Interview mit der FAZ äußerte sie sich zu dem Attentat auf sie und über die Übergriffe in der Kölner Silvesternacht. Ihr zufolge habe die Sache auch etwas Gutes, denn wir seien jetzt alle realistischer geworden. Weiterlesen

Advertisements

Empfehlenswerter Vortrag: SpiegelMining – Reverse Engineering von Spiegel-Online

Auf dem  aktuellen  Chaos Communication Congress gab es einen spannenden Vortrag von David Kriesel, in dem er des Webpräsenz von Spiegel Online etwas näher unter die Lupe genommen hat.

Über einen Zeitraum von zwei Jahren hat er alle Artikel in eine Datenbank geladen und ausgewertet. Mit den gewonnen Daten beschreibt er das Publikationsverhalten der Redakteure und Journalisten als auch deren Vernetzung innerhalb der Redaktion – und dies alleine aus den Metadaten der  publizierten Artikel. Auch wenn er bei manchen Annahmen sich eines etwas größeren Interpretationsspielraums bedient – der naturgemäß auch Fehlschlüsse zulässt -, sind die Erkenntnisse, die er daraus gewinnt durchaus spannend.

So zeichnet Kriesel sehr schön das Abschalten der Kommentarfunktion von Spiegel Online nach.  Während die Leser die Kommentarfunktion zu den zu den Themen Ukraine-Konflikt oder Streiks bei Lufthansa und DB ausführlich nutzen dürfen, bleibt diese Funktion den Interessierten bei den Themen Flüchtlinge,  Asylpolitik oder Nah-Ost-Konflikt verwehrt. Die Daten lassen ebenfalls den Schluss zu, dass die sukzessive Abschaltung der Kommentarfunktion mit dem Beginn der Flüchtlingskrise einsetzte und im Laufe der Monate immer mehr Artikel betraf.

Kriesel präsentiert natürlich noch deutlich mehr Erkenntnisse in seinem Vortrag. Daher eine absolute Guck-Empfehlung!

Von politischer Alternativlosigkeit und dem Aufstieg der AfD

Es gibt Menschen, die glauben, angesichts der Wahlerfolge, die AfD verfolge eine ausgeklügelte Wahlkampfstrategie. Ein Trugschluss. Die AfD hat die Wähler nicht gewonnen – sie wurden ihr geschenkt.

Der Erfolg der AfD ist eine Zäsur in der Geschichte der BRD. Während im europäischen Ausland rechte Parteien schon seit Jahren an Bedeutung gewinnen und – wie kürzlich in Polen – die Regierung stellen, schien Deutschland von dem mehr oder weniger neuen Phänomen rechter, konservativer und häufig anti-muslimischer Parteien verschont zu bleiben. Ein Trugschluss wie sich jetzt zeigt.

Die Geschwindigkeit, mit der die AfD erste Wahlerfolge verzeichnen kann zeigt, dass es in diesem Land schon länger gärt. Anders ist das rasche Wachstum der Partei kaum zu erklären. In den Kommunalwahlen in Hessen kam die Partei aus dem Stand auf rund 13 Prozent. In den Landtagswahlen in Baden-Württemberg wurden der AfD die gleichen Chancen vorhergesagt wie der SPD – 12,5 Prozent. Obwohl die Vorhersagen als moderat galten, zog die AfD am Wahlabend an der SPD vorbei und erreichte 15,1 Prozent. Die SPD musste sich mit den vorhergesagten 12,7 Prozent begnügen. Die letzten Wahlerfolge verbuchte die Partei in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Die AfD wurde mit 20,8 Prozent der Stimmen gewählt und wurde damit zweitstärkste Kraft in Mecklenburg-Vorpommern – noch vor der CDU. In Berlin erreichte die Partei 14,1 Prozent. Die Wahlergebnisse zeigen, dass die Zeiten, in denen die Spitzen der etablierten Parteien es sich erlauben konnten die AfD zu ignorieren oder ihr eine kurze Lebensdauer beschied, vorbei sind. Doch worauf beruht der Erfolg der Alternative für Deutschland?

Weiterlesen

Günther Oettinger, Frauke Petry und die Flüchtlinge (Nachtrag)

Wer eigentlich nichts Interessantes zu sagen hat und auch sonst kein politisches Thema findet, zudem er etwas beitragen kann, aber dennoch unbedingt etwas Beitragen möchte, der muss eben kreativ werden. Unser Mann fürs Digitale in der EU weiß das. Und so gab er dem Deutschlandfunk und der Welt die Gelegenheit, uns mit folgendem Scoop zu beglücken:

„Günther Oettinger hat sich laut einem Bericht mit drastischen Worten über AfD-Chefin Petry geäußert: In Berlin sagte er demnach, er würde sich erschießen, wäre er mit ihr verheiratet.“

Es wird wohl die Nähe zum Valentinstag sein, die Oettingers Fantasie über eine mögliche Ehelichung mit Frauke Petry beflügelte. Es ist natürlich auch möglich, dass es sich auch um eine misslungene Übersetzung aus dem Englischen handelt. Lost in Translation sozusagen.

Doch völlig überraschend wusste Oettinger dann doch noch etwas zur Asylkrise beizutragen. So teilte er den anwesenden Reportern mit, dass er am Donnerstag in Sachen „Flüchtlingskrise, ungeachtet skeptischer Signale mehrerer Partnerländer, auf einen Durchbruch für ein europäisches Vorgehen beim EU-Gipfelt“ setzt.

Mit „skeptischen Signalen“ ist vermutlich die Ankündigung Frankreichs, in diesem Jahr nicht mehr als 30.000 Flüchtlinge aufnehmen zu wollen, gemeint. Vielleicht ist es aber auch die Erklärung Österreichs, 2016 nur rund 38.000 Flüchtlingen Asyl zu gewähren. Möglicherweise sind auch die EU-Ost-Staaten angesprochen, die generell keine Flüchtlinge aufnehmen wollen. Oder aber die Rufe Italiens und Griechenlands, die vor einer völligen Überlastung warnen und ihre Kapazitäten als erschöpft bezeichnen. Nicht auszuschließen ist, dass Oettinger sich auf die Grenzschließungen Schwedens und Dänemarks bezog. Beide Länder haben in den vergangenen Wochen ihre Grenzen dicht gemacht. Schweden hatte darüber hinaus erklärt, dass das Land in den kommenden Monaten 80.000 Flüchtlinge abschieben werde.

Wie dem auch sei. Wichtig jedenfalls ist, dass Oettinger nun einen Durchbruch in der Sache erwartet. Ich persönliche halte eine Ehelichung mit Frauke Petry für wahrscheinlicher. Eine Win-Win-Situation wäre es in jedem Fall.

Nachtrag:

Die Flüchtlingskrise wurde auf den nächsten EU-Gipfel vertagt.

Der Populismus der anderen

Auch in diesem Jahr wird die Flüchtlingskrise nichts von ihrer Aktualität einbüßen. Das wird die politische Diskussion weiter anheizen und den Ton verschärfen. Gerade rechte Parteien werden von der Flüchtlingskrise profitieren, bietet sich ihnen die Gelegenheit, noch dazu als außerparlamentarische Opposition, gegen die etablierten Parteien in „populistischer Manier“ auszuteilen. Doch man sollte sich nicht täuschen – auch die etablierten Parteien können Populismus.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht vor einfachen Lösungen in der Flüchtlingskrise gewarnt wird. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland warnte bereits, Jürgen Trittin warnte und Ursula von der Leyen warnte sogar vor „sehr einfachen Lösungen“. Gemeinhin zielt eine solche Warnung in Richtung der so genannten „besorgten Bürger“, Pegida und AfD, die, so der Vorwurf, hochkomplexe Probleme vereinfachten um auf Stimmenfang zu gehen.

In diesem Deutungsmuster ist zum Beispiel die Forderung nach einem besseren Schutz der deutschen und europäischen Grenzen keine praktikable, sondern eine vereinfachende Lösung, die der komplexen Realität nicht gerecht werde. So erklärte die Kanzlerin dem verdutzten Publikum in einem Fernsehinterview, dass die deutschen Landesgrenzen nicht geschützt würden, da sie nicht zu schützen seien. Ein bisher einmaliger Vorgang. Weiterlesen